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- KATASTROPHENSCHUTZ -
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Die Bedeutung einer europaweit einheitlichen,
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im Bereich der Katastrophenprävention und des
Katastrophenmanagements für die Verbesserung
des Bevölkerungsschutzes auf EU-Ebene und
die Umsetzung des Gemeinschaftsverfahrens
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Hans-Jörg Hinderer, Tübingen, Juli 2009 |
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Die aktuelle Novellierung des Gesetzes über den Zivilschutz und die Katastrophenhilfe des Bundes -ZSKG /1/ durch das Bundesministerium des Innern sieht eine Risikoanalyse der Länder auf der Grundlage der Verständigung zwischen Bund und Ländern zur bundesweiten Einschätzung der Bedrohungslage vor.
Nach der Einigung auf die hierfür erforderlichen gemeinsamen Verfahrensschritte soll eine in ihren Ergebnissen vergleichbare Analyse erstellt werden.
Die Vergleichbarkeit der jeweils auf Länderebene zu erstellenden Analysen setzt eine gemeinsame Betrachtungsweise voraus, die schrittweise ebenfalls auf EU-Ebene etabliert werden sollte.
Gleichermaßen will das Bundesministerium des Innern bei der künftigen Ausgestaltung des EU-Gemeinschaftsverfahrens eine proaktive Rolle einnehmen und die Entwicklung aktiv begleiten.
Dabei sollte berücksichtigt werden, dass die anzustrebende, gemeinsame und möglichst einheitliche Betrachtungsweise konsequenterweise auch zu einer ebenfalls gemeinsamen und möglichst einheitlichen Vorgehensweise sowohl im Bereich der Katastrophenprävention als auch beim Katastrophenmanagement führen sollte.
Dies entspricht zugleich bereits den Vorgaben für das 6. EU-Forschungsrahmenprogramm 2004 für einen zukünftig einheitlichen Ansatz zur Bewältigung sämtlicher Ereignisse - von der Naturkatastrophe über den Industrieunfall bis zum Terroranschlag.
Beispielhaft für diesen einheitlichen Ansatz ist die europäische Notrufnummer 112.
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EINHEITLICHE SYSTEMARCHITEKTUR |
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Nach diesen Vorgaben entstand im Februar 2004 in Abstimmung mit der ehemaligen Zentralstelle für Zivilschutz des Bundesverwaltungsamtes der erste Entwurf mit dem Titel "Grid-basiertes System zur Optimierung und Koordination der länderübergreifenden Gefahren- und Terrorismusabwehr".
Auf Grund einer Anregung von Herrn Dr. Norbert Schulz vom Bundesministerium des Innern /2/ wurde dieser Entwurf weiterentwickelt und den realistischen Szenarien im algorithmischen Ablauf der Kausalkette eines Ereignisses angepasst.
Nach über zweijähriger Entwicklungsarbeit entstand das aktuelle nun in einer Druckversion als Lernportal Feuerwehr-Bevölkerungsschutz /3/ graphisch umgesetzte System Übergeordnete, kausalkettenstrukturierte und offene Systemarchitektur als grenzübergreifendes Netzwerk Katastrophenprävention und Katastrophenmanagement".
Diese Version wurde dem Abteilungsleiter KM (Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz) im Bundesministerium des Innern anlässlich einer Besprechung am 16.12.2008 übergeben. Zu erwähnen ist, dass diese aktuelle Demo-Version in zahlreichen Gesprächen mit Vertretern von Bundes- und Länderbehörden, Feuerwehren, Polizei sowie tangierten Forschungseinrichtungen erarbeitet wurde.
Sie erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und soll in erster Linie dazu beitragen, Gespräche auf nationaler und europäischer Ebene anzuregen und sowohl Vorschläge als auch kritische Stellungnahmen zu generieren.
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AKTIVITÄTEN AUF EU-EBENE |
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Im Oktober 2005 wurde anlässlich einer Besprechung bei der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission in Brüssel eine erste Version vorgestellt, die auf großes Interesse stieß.
Inzwischen sind auch auf EU-Ebene Aktivitäten in diesem Bereich festzustellen.
Das Informationsprotokoll (IP/09/303) der Europäischen Kommission vom 23. Februar 2009 bestätigt u.a. die Annahme eines Gemeinschaftskonzeptes zur Minderung der Auswirkungen von Katastrophen natürlichen und menschlichen Ursprungs in der Europäischen Union.
Die beabsichtigte Festlegung von Leitlinien für den gesamten Ablauf der Katastrophenbewältigung setzt eine längst überfällige gemeinsame und einheitliche Betrachtungs- und Vorgehensweise unter Einbeziehung sämtlicher Einflussparameter voraus.
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KATASTROPHEN-MANAGEMENT ZYKLUS |
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Die unter dem Titel "Ein Gemeinschaftskonzept zur Verhütung von Naturkatastrophen und von Menschen verursachten Katastrophen" von der Kommission der Europäischen Gemeinschaften am 23. Februar 2009 veröffentlichte Mitteilung (KOM(2009)82 endgültig, SEC(2009)202 - SEC(2009)203) erwähnt unter Punkt 3.2 - Abstimmung zwischen Akteuren und Strategien innerhalb des gesamten Katastrophenmanagement-Zyklus:
"Einige gemeinschaftliche und nationale Strategien lassen sich im Sinne des Katastrophenmanagement-Zyklus (Verhütung, Vorsorge, Abwehr, Folgenbewältigung) verwalten".
Bisher vorgestellte Ansätze für einen Katastrophenmanagement-Zyklus, wie im Schaubild beispielhaft aus einer Arbeit zum Risikomanagement bei Überschwemmungen /4/ wiedergegeben, müssen im Hinblick auf die hohe Komplexität der Abhängigkeiten innerhalb der Gesamtstruktur detailliert weiterentwickelt werden. Nur durch eine nochmalige feinere Aufgliederung können die Voraussetzungen für ein zukünftiges menügesteuertes Einsatzprogramm zur Katastrophenbewältigung geschaffen werden.

Katastrophen-Management Zyklus nach /4/
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SCHADENARME EINSATZTAKTIK |
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Erste Gespräche mit Vertretern des Verbandes öffentlicher Versicherer machten deutlich, dass auch hier unter dem Gesichtspunkt der Schadenminimierung starkes Interesse an der Etablierung einer einheitlichen Betrachtungs- und Vorgehensweise im Bereich der Katastrophenprävention und des Katastrophenmanagements besteht. Insbesondere das im Eigeninteresse der Sachversicherer liegende Thema "Schadenarme Einsatztaktik (SET)" wird in einem gemeinsamen Arbeitskreis mit Beteiligung des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV), der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF), des Bundesverbandes Betrieblicher Brandschutz - Werkfeuerwehrverband Deutschland e.V. (WFV-D) sowie dem Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) intensiv behandelt.
Ein bereits von diesem Arbeitskreis entwickeltes Thesenpapier unterstreicht die zukünftige Bedeutung der SET und die Notwendigkeit, unter dem Druck der engen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und dem Stichwort "Business Continuity" den längst überfälligen Paradigmenwechsel einzuleiten. Da die SET bereits bei der Prävention beginnt und erst mit der Nachbereitung endet, tangiert sie somit sämtliche 9 Module der als Entwurf konzipierten einheitlichen kausalkettenstrukturierten Systemarchitektur Katastrophenprävention und Katastrophenmanagement (s. Schaubild in der Anlage). Es erschien daher sinnvoll, den Entwurf entsprechend zu erweitern und dieses Papier auch dem Verband öffentlicher Versicherer vorzulegen.
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SYSTEMARCHITEKTUR |
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Bei der Erweiterung des vorliegenden Entwurfes wurde die Akzeptanz dieses komplexen Verbundsystems beim Anwender unter Berücksichtigung unterschiedlicher Einsatz- und Funktionsebenen in den Vordergrund gestellt.
Entscheidend für die Akzeptanz dürfte der sofort erkenn- und umsetzbare Nutzen für die Bewältigung eines Einsatzes sein. Der Bediener des Systems muss das Gefühl haben, jederzeit - selbst in schwierigen Situationen - sicher durch den bereits präventiv erfassten Ablauf eines Ereignisses geführt zu werden.
Durch die Möglichkeit, bereits in Modul 2 unter dem Stichwort Ereignisdefinition realistische Standardszenarien, z.B. bei Bränden oder kalten Freisetzungen abrufen zu können, soll zusätzliche Sicherheit vermittelt werden.
Gleichzeitig sollte der Bediener des Systems darauf hingewiesen werden, dass unerwartet auftretende Sonderereignisse wie Kollateralschäden, Domino- oder Kaskadeneffekte ebenfalls erfasst sind. Dies gilt auch für die unterschiedliche Beurteilung des betroffenen Umfeldes, z.B. bei Ereignissen innerhalb einer dichten und mehrgeschossigen Bebauungsstruktur einer Innenstadt oder einer aufgelockerten Bebauungsweise in ländlichen Bereichen.
Die im Primärmodul Prävention gespeicherten GIS-Strukturen ermöglichen die sofortige Lagebewertung des bedrohten bzw. bereits betroffenen Umfeldes in hoher Auflösung bis zum Katastermaßstab oder Gebäudeplan. Die Erweiterung der GIS-Strukturen von der zweiten in die dritte Dimension dürfte der nächste Schritt zur Verbesserung der Visualisierung räumlicher Ausbreitungen und ihrer Schichtdicke insbesondere bei Großbränden sein.
Der als zyklisches System strukturierte Grundaufbau des Entwurfes gliedert die Maßnahmen in 9 Module analog dem algorithmischen Ablauf der Kausalkette eines Ereignisses von der Prävention bis zur Nachbereitung.
Da im Primärmodul Prävention bereits sämtliche Strukturen der Folgemodule 2 bis 9 detailliert gespeichert sind, ist die jeweilige Rückkopplung von den Folgemodulen zum Primärmodul Prävention zur Gegenbestätigung und Absicherung jederzeit möglich. Damit kann eine schrittweise Optimierung der Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit des Gesamtsystems erreicht werden. Durch die gewählten logischen Verknüpfungen ist auch die Fähigkeit des Systems zur dynamischen Regelung mit Selbststabilisierung im Bereich des Möglichen.
Die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems lässt sich hierbei in der Anwendung auf anspruchsvolle Übungsszenarien und deren stringente Abarbeitung im Rahmen von Planspielen demonstrieren.
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WEITERENTWICKLUNG |
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Bei den Arbeiten zur Erweiterung des vorliegenden Entwurfes wurde zudem deutlich, dass die horizontal angeordneten Module zusätzlich vertikal in mehrere Stufen zu gliedern sind, mit Ausnahme des Präventionsmoduls 1. In dieser weiteren Vertikalstruktur können die Aktivitäten dieser Stufen jedem der 8 Folgemodule zugeordnet werden.
Die Vertikalstruktur enthält die 3 folgenden Stufen "Akteure", "Geräte" und "Informationen", die sich unter das jeweilige Modul 2 bis 9 einordnen:
| Bezeichnung |
Aktivität |
| Horizontal-Modul 2 … 9 |
Durchzuführende Maßnahme (z.B. Detektion, Lagebewertung) |
| a) Akteure |
Maßnahmen-durchführende Institution (z.B. Feuerwehr, THW, Polizei … ) |
| b) Geräte |
Technische Mittel für die Durchführung der Maßnahme (z.B. Fahrzeuge, Löschsysteme, Analytik, Verdämmung … ) |
| c) Information |
Benötigte Zusatzinformationen (z.B. Datenbankrecherche, Wetterinformationen, FEWIS … ) |
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ZIELSTELLUNG |
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Zielstellung ist somit ein
Europaweites, einheitliches menuegestütztes Einsatzprogramm zur grenzübergreifenden Katastrophenbewältigung auf der Grundlage des algorithmischen Ablaufes der Kausalkette eines Ereignisses
das sich entsprechend den Angaben in IP/09/303 (s.o.) auch auf andere Länder übertragen lässt und damit einen europäischen Beitrag zur Verbesserung der Katastrophenprävention und -bewältigung weltweit zu leisten vermag.
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Das gesamte Systemschema ist unter www.lernportal-feuerwehr.de/Bevoelkerungsschutz grafisch aufbereitet und veranschaulicht!
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Quellen (Auswahl) |
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/1/ Gesetz über den Zivilschutz und die Katastrophenhilfe des Bundes (Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz - ZSKG), Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz vom 25.03.1997 (BGBl. I S. 726), zuletzt geändert durch Artikel 1 des ZSGÄndG vom 02.04.2009 (BGBl. I S. 693)
/2/ Schulz, N., Bundesministerium des Innern: Persönliche Mitteilung des Autors
/3/ Übergeordnete, kausalkettenstrukturierte und offene Systemarchitektur als grenzübergreifendes Netzwerk Katastrophenprävention und Katastrophenmanagement. K2-Verlag AG, CH-8207 Schaffhausen; www.lernportal-feuerwehr.de/Bevoelkerungsschutz
/4/ Integriertes Projekt FLOODsite im 6. EU-Rahmenforschungsprogramm: Risikomanagement bei Überschwemmungen (http://www.floodsite.net/)
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